"Die Flüsterer" im Globish-Gap

Vom Weltkongress der Konferenzdolmetscher

From left: David Bernet, Michel Lesseigne, Ayeleth Nirpaz, Jennifer MackintoshWer auf Brüssels internationaler Bühne zu Hause ist, begegnet ihnen ständig: den „Flüsterern“, wie die Konferenzdolmetscher von den Dokumentarfilmern David Bernet und Christian Beetz in ihrem viel beachteten gleichnamigen ARTE-Film genannt werden. Der Film wird in Anwesenheit der Autoren am 11. Januar anlässlich der Eröffnung des Weltkongresses des Internationalen Konferenzdolmetscher-Verbandes (Association internationale des interprètes de conférence, AIIC) im Brüsseler Hotel Bedford den Kongressteilnehmern und der hiesigen Presse vorgestellt.

Während die Filmemacher den Blick hinter die Kulissen freigeben, treten in dieser Woche (vom 12.-15. Januar) die Kommunikationsprofis aus dem Schatten der Dolmetschkabinen und verhandeln in eigener Sache.

Zentrales Kongressthema ist neben der Berufsethik - in Zeiten des „immer schneller, immer billiger, egal wie“ ein besonderes Anliegen der AIIC-Dolmetscher – die Herausforderung der Vielsprachigkeit, ein Thema, das gerade in Brüssel auf fruchtbaren Boden fällt und ebenso intensiv wie kontrovers diskutiert wird.

Rudimentäre Englischkenntnisse

Wollen die einen „Globish“ (global English) für alle, pochen die anderen auf die Achtung der kulturellen Vielfalt, die sich wesentlich in der eigenen Sprache ausdrückt. Glauben die einen, selbst rudimentäre Englischkenntnisse seien für eine Verständigung ausreichend, fürchten andere um die Zwischentöne und Nuancen, die den Unterschied zwischen Verständigung und Missverständnis, zwischen fundierter Auseinandersetzung und Oberflächengeplänkel ausmachen.

An Diskussionsstoff mangelt es nicht – und auch nicht an ganz anders gearteten Herausforderungen: Seit einem Jahr übt sich eine Gruppe Brüsseler AIIC-Mitglieder darin, Konferenzplanung einmal nicht aus Sicht der „Flüsterer“ im Hintergrund, sondern als verantwortliche Akteure in Angriff zu nehmen. Und auch hier geht es multikulturell zu, denn allein die 15 Mitglieder des Organisationskomitees stehen für neun Länder, von Russland bis Lateinamerika, und neun Muttersprachen, von Italienisch bis Finnisch – nicht zu vergessen eine Handvoll „Deutsch-Brüsseler“, seit mehreren Jahren oder sogar Jahrzehnten in Brüssel ansässige DolmetscherInnen.

Koproduktion

Nicht nur sprachlich geht es bunt zu – auch die Zusammenarbeit bietet Überraschungen, fern aller Klischees. Die italienische Kollegin ist nicht die Inkarnation des „Far niente“, sondern die Königin der „Sponsorenjäger“ und ein Genie der voller Gelassenheit praktizierten Effizienz. Die Chefin des Deko-Teams für das Abschlussfest hat die ausgefallensten Ideen und spricht ... Berlinerisch. Nicht nur für das Kulturprogramm, sondern auch für tausend technische Fragen und ihre sofortige Lösung legt sich Lateinamerika ins Zeug. Und die Pressearbeit ist eine belgisch-russisch-irische Koproduktion.

Multikulturelles Zusammenleben und –arbeiten, gelebte Vielsprachigkeit einmal nicht nur hinter, sondern auch vor den Kulissen: das ist eine bereichernde Erfahrung, und bringt eine Menge Spaß!

Dieser Artikel erschien vor Kongressbeginn im Internet-Magazin Belgieninfo.net .

Alle Photoaufnahmen sind urheberrechtlich geschützt; Abdruck, Weiterverbreitung und gewerbliche Nutzung sind untersagt (© Horst Wagner - http://www.eup-images.com/).



Recommended citation format:
Silke GEBHARD. ""Die Flüsterer" im Globish-Gap". aiic.at January 30, 2006. Accessed May 24, 2018. <http://aiic.at/p/2201>.