Buchrezension: Deutsch als Konferenzsprache in der Europäischen Union

Jacquy Neff
Deutsch als Konferenzsprache in der Europäischen Union.
Eine dolmetschwissenschaftliche Untersuchung
Verlag Dr. Kovac
Hamburg, 2007
ISSN 1610-8604

Auf dieses Buch haben wir gewartet! Es schließt eine Lücke in der Dolmetschwissenschaft wie auch der interkulturellen Germanistik bzw. deutschen Soziolinguistik. Es wendet sich somit an Leser, die an diesen Forschungsgebieten ein besonderes Interesse haben oder in ihnen selbst wissenschaftlich tätig sind. Viel mehr noch als diesen Personenkreis sollte es aber diejenigen erreichen, die selbst in der Praxis des Konferenzdolmetschens stehen und sich Gedanken über ihre Zukunft auf dem Markt machen, oder vor allem auch diejenigen, die Verantwortung tragen für die Ausbildung der nachfolgenden Dolmetschergeneration und tunlichst Sorge tragen sollten, nicht am tatsächlichen Bedarf vorbei auszubilden.

Jacquy Neff widmet sich in seiner Dissertation einer kontrastiven Betrachtung der Nachfrage nach Deutsch und des Angebots an Dolmetscherdienstleistungen mit Deutsch in den Ländern der Europäischen Union vor der letzten Erweiterung vor dem Hintergrund von Trends wie Globalisierung und Vorrücken des Englischen, die jedem Dolmetscher bekannt sind. Zu diesem Zweck befragte er in insgesamt 4 Untersuchungen von 1998 bis 2003 über 19.000 Veranstalter von Konferenzen und 3.300 Konferenzdolmetscher und ermittelte auf der Grundlage der so erhaltenen Daten eine Reihe von Indikatoren, anhand derer sich die Stellung des Deutschen im europaweiten Konferenzgeschehen ablesen lässt. Dazu gehören konferenztypische Parameter (Art und Dauer von Veranstaltungen, Sprach- und Fachgebietsangebote, Dolmetschmodi), marktrelevante Daten (Stratifizierung und Typologisierung von Konferenzveranstaltern, Markteinteilung, Auftragspotenzial für Konferenzdolmetscher mit Deutsch), sprachspezifische Aspekte (Sprachenangebot in Aktiv- und Passivsprachen, Sprachkombinationen) sowie dolmetscherbezogene Daten (Zusammensetzung der beruflichen Tätigkeit, Auftragspoteziale usw.). Neben den Ergebnissen bezüglich eines Ist-Zustandes im Bezugsjahr 1998 und der Entwicklung von 1993 bis 2003 erscheint dabei eine perspektivische Betrachtung möglicher Trends von ganz besonderem Interesse. Nicht zu Unrecht weist der Autor darauf hin, dass Konferenzdolmetscher oft zu einer auf persönlicher Erfahrung basierenden, eher subjektiven und selektiven Einschätzung von Entwicklungen und Zukunftsaussichten neigen, die einen Markt beeinflussenden Parameter aber nicht in ihrer Gesamtheit erfassen. Umso aufschlussreicher sind da die von ihm erhobenen soliden Daten, die insgesamt die bedeutende Stellung der deutschen Sprache im Konferenzgeschehen belegen und ihr auch gute Zukunftsaussichten bescheinigen. Allerdings schwankt die zu erwartende Nachfrage erheblich, je nachdem, ob es sich um Veranstaltungen in Deutschland oder auf den Märkten anderer Länder handelt, wer die Veranstalter sind und in welchen Fachbereichen und auf welcher Art von Konferenzen gedolmetscht wird. So ist zum Beispiel europaweit mit ausgeprägterem Bedarf bei den EU-Institutionen, auf nationaler Ebene bei Gewerkschaften, Verwaltungsbehörden, Bildungseinrichtungen, Ministerien und auch in der Privatwirtschaft zu rechnen. Als Fachsprache spielt Deutsch besonders in den Gebieten Wirtschaft, Technik und Recht, weniger aber in Politik und Wissenschaft eine Rolle. Deutsch als A- oder C-Sprache ist als attraktiver einzuschätzen als Deutsch als B-Sprache. Letztendlich hängen die Chancen des Deutschen im Wettbewerb mit anderen Sprachen (vor allem natürlich dem Englischen) von der Bereitschaft der deutsprachigen Länder ab, ihre Sprache systematisch zu fördern, und vor allem vom Willen deutschsprachiger Konferenzteilnehmer, sich ihres Idioms in mehrsprachigen Kommunikationsereignissen auch tatsächlich zu bedienen.

Der beeindruckende Umfang und der hohe wissenschaftliche Anspruch dieses opus magnum sollten auch den stärker praxisorientierten Leser nicht abschrecken. An keiner Stelle ergeht sich Jacquy Neff in schwer verständlichem Wissenschaftsjargon. Alle Begriffe aus Translationswissenschaft, Soziolinguistik, empirischer Sozialforschung und Statistik sind klar definiert und erläutert, der Text liest sich flüssig, an manchen Stellen fast spannend. Der eilige Leser findet in Kapitel 1 eine profunde Einführung in den Forschungsgegenstand und in Kapitel 6 eine ausführliche Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse. Wer sich allerdings die Zeit nimmt, das Buch in seiner Gänze aufmerksam zu lesen, stößt - über die Beantwortung der zentralen Fragestellung hinaus - auf eine Vielzahl faszinierender Erkenntnisse zu Detailaspekten wie der (überraschend hohen) Zahl fest angestellter Konferenzdolmetscher in der Privatwirtschaft, der wachsender Bedeutung von Videokonferenzen, dem Zusammenhang zwischen einem einschlägigen Hochschulabschluss oder der Zugehörigkeit zu einem Berufsverband (und speziell welchem) und dem Volumen an Dolmetschtagen, der Alterspyramide der Dolmetscherpopulation oder schließlich einer (nicht vorhandenen) geschlechterspezifischen Präferenz für bestimmte Fachgebiete, der andererseits eine nach Altersgruppen unterschiedliche Einschätzung der Wichtigkeit einzelner Fachgebiete entgegensteht. Eigens erwähnt sei auch die zwar in der Literatur vielerorts behandelte, hier aber besonders anschaulich und speziell mit Blick auf die Bedeutung des Deutschen dargestellte historische Entwicklung des Konferenzdolmetschens. Neuland betritt der Autor auch mit der umfassenden Darstellung der Stellung des Deutschen bei in Europa ansässigen internationalen Institutionen. Für Dolmetscher, die für die EU tätig sind, dürfte die Analyse der bisherigen, derzeitigen und zu erwartenden Sprachenpraxis der Union von besonderem Interesse sein.

Wer sich noch mehr in die Materie vertiefen möchte, findet auf der beiliegenden CD die Fragebögen und sämtliche Daten der Studie.

Unter dem Kopfkissen jedes Konferenzdolmetschers, Dolmetschstudenten und vor allem auch in der Lehre Tätigen sollte in Zukunft das vom Autor entwickelte Sprachkombinationsmodell liegen: Es stellt in einer Übersichtstabelle die bis 2010 erwartete Nachfrage des Marktes nach bestimmten Sprachkombinationen dar, untergliedert in die Teilmärkte Privatsektor, EU-Institutionen, Internationale Organisationen sowie Ministerien und Verwaltungen und differenziert nach A-, B- und C-Sprachen sowie nach sofortigem Bedarf, Bedarf in drei bis fünf Jahren (ab 2004) und in sieben bis zehn Jahren. Ebenso anschaulich ist die Tabelle zu den bis 2010 voraussichtlich nachgefragten Sachgebietskombinationen, die wiederum einzelnen Marktsegmenten die Gebiete Wirtschaft, Technik, Wissenschaft, Politik und Recht zuordnet und eindringlich die in Zukunft erforderlichen Schwerpunkte vor Augen führt.

Gewünscht hätte man sich allenfalls noch ein Sachregister, was aber wahrscheinlich angesichts der Fülle der in Frage kommenden Lemmata ein äußerst mühseliges Unterfangen gewesen wäre.

Es darf wohl jetzt schon die Vorhersage gewagt werden, dass dieses Buch zu einem Standardwerk in der Translationswissenschaft werden wird. Jedem Konferenzdolmetscher sei seine Lektüre wärmstens empfohlen.



Recommended citation format:
Ursula GROSS-DINTER. "Buchrezension: Deutsch als Konferenzsprache in der Europäischen Union". aiic.at June 3, 2008. Accessed October 24, 2018. <http://aiic.at/p/2982>.